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Ablauf der Gestalterkennung

Der erste Blick – Figur-Grund-Trennung

Bevor man mit der Interpretation des Gesehenen beginnen kann, das heißt ein Bild erkennt, muss gewährleistet sein, dass man die dargebotene Information überhaupt wahrnimmt, auf sie aufmerksam wird. Da spielen neben dem Vorwissen das wir mitbringen, anders gesagt, dem Wiedererkennen, einige angeborene Fähigkeiten der Herauslösung einfacher optischer Reizmuster aus der Umgebung eine entscheidende Rolle. Schon bei Neugeborenen richtet sich die Aufmerksamkeit auf Orte in ihrem Gesichtsfeld mit hohem Kontrast, in denen sich Eck- und Endpunkte befinden, sowie auf sich bewegende Objekte oder geschlossene ovale Formen, die auf einen menschlichen Kopf hinweisen. Dieser erste Schritt des nun folgenden Vorganges, der in der Psychologie als Figur- Hintergrund- Trennung bezeichnet wird, lässt sich durch die spontane Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Ausschnitt des Gesichtsfeldes charakterisieren, in welchem von einer Formenkonfiguration Information erwartet wird. Dieses Auffinden von Merkmalen resultiert nicht aus einem Scannvorgang, einem Absuchen des Gesichtsfeldes mit den Augen, sondern aus einem einzigen Blick.

Der Weg vom Blick zum Objekt

Auf der Basis der diesem Blick resultierenden Netzhautinformation erstellen die Hypersäulen im visuellen Cortex des Gehirns eine erste Formbeschreibung. In einem nächsten Verarbeitungsschritt kommen zu diesen ersten Erkennungsmerkmalen weitere Beschreibungsmerkmale wie Färbung, Bewegung und räumliches Sehen hinzu. Am Ende steht die Objektwahrnehmung, das Erkennen eines Objektes. Im einzelnen verläuft der Weg von den detektierten Merkmalen hin zum erkannten Objekt wie folgt:

Um eine Figur, auf die die Aufmerksamkeit durch die oben genannten Merkmale gelenkt ist, als solche wahrzunehmen, muss ein Gruppierungsmechanismus vorausgehen, in dem die einzelnen Merkmale zu einer Gestalt zusammengefasst werden. Zunächst werden die eintreffenden Informationen durch Bildung von Äquivalenzklassen reduziert. Benachbarte gleichartige Elemente, zum Beispiel Elemente gleichen Typs und gleicher Orientierung werden zusammen gefasst. Diese Äquivalenzklassen, also bereits Elemente höherer Ordnung, werden wiederum charakterisiert nach Typ, Kontrast usw. Hinzu kommen Angaben über die Ausdehnung der Elemente, z. B. Länge, Breite, Durchmesser, sowie über Position der Eckpunkte. Dieser Grupierungsvorgang wird so lange wiederholt, bis keine größeren Elemente mehr gebildet werden können. Kleinere Elemente, die sich nicht integrieren lassen, werden zunächst unterdrückt. Das heißt konkret, Elemente, die sich nicht in die Gestalt eingliedern lassen, werden zunächst einfach übersehen. Schließlich findet in der nächsten Verarbeitungsstufe eine Selektion wahrscheinlicher Alternativen statt. Für offene Enden der Elemente höherer Ordnung werden nunmehr Partner sowie mögliche Brückenelemente zwischen den Partnern gesucht. Dabei werden auch weiter entfernte Bildteile als möglicherweise zusammengehörend in die Analyse mit einbezogen. Auswahlkriterien sind auf dieser Stufe die fundamentalen Prinzipien der guten Fortsetzung von Kontrast, Farben, Orientierung, hochlinearen Verläufen etc. und der geschlossenen Gestalt. (Die Gestalt–Erkennungs–Gesetze)

Das Ergebnis der gesamten Vorbearbeitung und Bildanalyse ist die zweidimensionale Beschreibung der Konturen und markanter Merkmale, wie etwa der Oberflächenbeschaffenheit der Objekte. Teile des Reizmusters sind nun bereits begrifflich identifiziert.

Hier schließt die sogenannte Szeneanalyse an. Die Szeneanalyse versucht, aus den erfassten zweidimensionalen Strukturen dreidimensionale Szenen zu rekonstruieren und durch Vergleich mit gespeicherten Gedächtnisinhalten kognitiv einzuordnen. Erst jetzt nach abschluss der Globalgestalterkennung beginnt der Mensch mit der Detailanalyse.

Aus dieser Hierarchie der Informationsverarbeitung ergibt sich die Wichtigkeit für den Gestallter auf die Stimmigkeit seines Entwurfes hinsichtlich der Globalgestalt zu achten. Denn, nur wenn die Globalgestalt schnell und eindeutig zu erfassen ist, wenn sich die Einzelelemente nahtlos integrieren, werden die darin enthaltenen Detailswie die Navigationselemente oder die Seiteninformation problemlos erkannt und verstanden. Stehen Einzelelemente jedoch alleine, hat man Probleme, sie in die Globalgestalt einzugliedern, sie zu erkennen. Denn Reizobjekte werden als Teile eines Objektes besser erkannt, als bei isolierter Darbietung. Ein einfaches Beispiel hierfür bietet das menschliche Gesicht. So wird eine Augenbraue im Gesicht sofort als solche erkannt. Sieht man jedoch nur die Abbildung einer einzelnen Augenbraue ohne das zugehörige Gesicht, stellt sich leicht die Frage nach dem, was das denn sein könnte. Das Ganze ist also von anderer Qualität als die Summe seiner Teile, denn das eine gibt dem anderen im gemeinsamen Auftritt eine zusätzliche, aus der Kombinatorik kommende Bedeutungserklärung.

Die Globalgestalt stellt den Bezugsrahmen zur weiteren Analyse. Erst auf Grundlage der erkannten Gestalt und der gebildeten Szene, kann der Betrachter beginnen das in ihm gebildete Bild zu analysieren. Die Elemente in ihrer Funktion zu erkennen. Die erkannte Globalgestalt führt häufig zu einem Abgleich mit einer im Gedächtnis gespeicherten Objektpräsentation. Das heißt, dass der Betrachtersich an eine Internetseite von gleichem Aufbau erinnert, und aus diesem Grund die aktuelle schneller erschließt. Mit der Gestaltung gibt man die Methode, nach der eine Internetseite funktioniert. Und bedient man sich einer bekannten Methode, so kommt man dem Ökonomieprinzip des Menschen entgegen, der versucht den kognitiven Aufwand möglichst gering zu halten. Er wird nach Merkmalen suchen, die in bereits gelernte Wissensschemata passen. Ihm bereits bekannte Modelle werden dann schnell wiedererkannt und die Navigation in diesen bekannten Strukturen vereinfacht. Zum Einen kommt hier zum Ausdruck, dass die Netznutzer keine neue Gestaltung wollen, sondern Alt bewährtes, bereits Bekanntes und Erlerntes. Zum Anderen ist es Beweis, dafür, dass Internetauftritte eine in sich geschlossene Gestaltung, eine kongruente Gestaltung benötigen, um durch die in ihnen verwirklichte strukturelle und visuelle Methode eine Eigenständigkeit und Abgeschlossenheit zu visualisieren.

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