Die Erstellung der Navigationselemente, das Interfacedesign, ist die
Visualisierung und zugleich Nutzbarmachung der informationstragenden
Strukturen. Erst durch die Bereitstellung von Navigationselementen werden
Inhalte nutzbar. Hier ist der Punkt, an dem die Vorteile einer vernetzten
Informationsstruktur ausgespielt oder verloren werden. Darüber hinaus wird
durch das Interfacedesign Individualität suggeriert. In einem gelungenen
Interfacedesign hat der Nutzer das Gefühl der Selbstbestimmtheit, sowohl
lokal als auch temporal. Er entscheidet vermeintlich frei darüber, wohin er
geht und fühlt sich seiner Zeit nicht beraubt, dadurch, daß er einem vorgegebenen
Weg folgen muß oder zu Massen irrelevanter Information geleitet
wird. Im Interfacedesign wird Individualität programmiert. Es ist der Gestalter,
der über den Grad der Freiheit und Individualität des Benutzers entscheidet.
Die Frage, wie nun ein gutes Interface auszusehen hat, läßt sich nicht
generell beantworten. Es gibt jedoch einige Punkte, nach denen man sich
richten kann. So ist einer dieser Punkte der, daß Internetbenutzer mit steigendem
Widerstreben auf neues, innovatives Webdesign reagieren. Die vorherrschende
Haltung ist, Design zu erwarten, das in der Funktionsweise
gleich allem andern ist, was man im Web schon gesehen hat. User wollen
keine Zeit dazu verwenden, neue Navigationskonzepte zu erlernen. Einfach
und leicht, so wie man es bereits von anderen Seiten kennt, soll es sein. Das
Web, daß vom Benutzer mehr als Einheit gesehen wird und weniger als Pool
individueller Publikationen, schafft Erwartungen über Ablauf und Nutzungsmöglichkeiten.
In solchen, gleichartig aufgebauten Webseiten, ermöglicht der
analoge Transfer von bereits erlernten Ablaufschemata und Funktionsweisen
auf die neue Webseite dem Benutzer eine effiziente Informationsbearbeitung, da zumindest Teilstrukturen der aktuellen Seite nicht komplett neu
erlernt werden müssen. Dieses analoge Schließen, von einer Problemstellung
auf die nächste, ist innerhalb einer Netzseite von größerer Bedeutung
als zwischen zwei unterschiedlichen Seiten. Eine Navigationsoberfläche muß
konsistent sein. Das heißt, der Syntax einer bestimmten Aktion muß auch für
alle weiteren, ähnlichen Funktionen gelten. Es ist einfach schwieriger und
auch lästig, in einer Umgebung zu navigieren, in der für jede neue Funktion
ein neuer Syntax zu erlernen ist. Nun soll dies kein Aufruf gewesen sein, das
Gestalten fortan einzustellen. Man sollte sich nur der Problematik völlig
neuer Konzepte im Vorfeld schon bewußt sein.
Netzstrukturen sind, folgt man den dem Hypertext eigenen Möglichkeiten
der Verweishirarchie, nicht mehr nur eindimensionale, lineare Gebilde
wie es analoge Texte sind.Vielmehr müssen wir im Internet zwei-, sogar dreidimensionale,
verzweigte Informationsstrukturen verwalten. Es ist also aus
der linearen Erzählstruktur ein Informationsraum entstanden, in dem sich
der Besucher auf der Suche nach Information bewegt.
Die Fähigkeit, aus eigener Kraft durch die Netzstruktur zu navigieren, das
Gesuchte bewußt aufzufinden, erfordert ein geistiges Modell der Struktur, in
der man sich bewegt. Dieses Bild eines inneren Ortes wurde von dem Psychologen
E. C.Tolman, bezogen auf das Bild, das wir uns von dem uns umgebenden
Raum machen, als Kognitive Karte bezeichnet. Dieses Modell, das auf
unsere Erfahrungen in der realen Welt basiert, läßt sich gut auf die immaterielle
Struktur eines Netzwerks übertragen. Um dort zu navigieren, benötigen
wir, genau wie bei dem Spaziergang in unserer Heimatstadt, Bezugspunkte,
mit deren Hilfe wir unseren momentanen Standpunkt festmachen
und Richtungen bewußt einschlagen können. Der Designer, der sich dieser
kognitiven Strukturen bewußt ist, ist in der Lage, seine Gestaltung daraufhin
auszurichten. Seine Web-Seiten werden dadurch übersichtlicher, die Navigation
erheblich vereinfacht und die erwünschte Informationsaufnahme durch
den Besucher unterstützt.
Dieses Modell der Kognitiven Karte ist im Internet kulturungebunden
weltweit einsetzbar. Zwar ist die Raumwahrnehmung und das räumliche Verweissystem
in verschiedenen Kulturen fundamental unterschiedlich. Doch
bevorzugen alle höher entwickelten, technisierten Kulturen das relative
System sowohl in der Sprache als auch in der nichtsprachlichen Codierung.
Daß dies kein Zufall, sondern eine Entwicklung parallel mit der Technisierung
hin zum relativen System ist, ist gut am momentanen Status von Tamil zu
beobachten. So bewegt man sich in ländlichen Regionen in einem absoluten
räumlichen System. Im städtischen Raum dagegen ist dieses zugunsten des
relativen Verweissystems gewichen. Die unterschiedlichen Verweissysteme
sind in Anhang IV kurz erläutert.
Die Elemente der Kognitiven Karte, wie sie hier zur Navigationshilfe
genutzt wird, sind: die Achse, der Knoten, der Distrikt und die Landmark
sowie die Übersichtslandkarte.
Die Grundform, die die Kognitive Karte bestimmt, ist die Achse. Die
direkte Verbindung zweier Orte. Die Achsen der Web-Seiten sind die Verbindungen
zwischen den einzelnen Kapiteln.Wobei den Achsen zwischen
dem Menue und den Kapiteln die stärkste, ausgeprägteste Rolle zukommt.
Am prägnantesten zeigt sich die Achse in der linearen Struktur, die quasi
Achse ist, vom Menue ausgehend. Mit jedem weiteren Schritt der Achse entlang,
mit jedem Besuch einer neuen Seite, weiß der Benutzer, daß er tiefer
in die Struktur eindringt. Im Menue treffen mehrere Achsen aufeinander.
Punkte, in denen sich mehrere Achsen kreuzen oder treffen, nehmen in der
Struktur eine herausragende Stellung ein. In ihnen bilden sich die Knoten.
Das Knotenhafte stellt psychologisch den Eindruck des Zentrums her. Aus
diesem Grund dienen im Stadtbild Knoten als Standort auffälliger Denkmäler.
Auch in der Web-Seiten-Gestaltung sollte man sich der herausragenden
Stellung der Knotenpunkte bewußt sein und sie entsprechend sorgfältig
behandeln. Sie - als Menueseiten - sind die Punkte der Struktur, von wo
aus direkter Zugriff auf die einzelnen Kapitel gewährt wird. Ob man nun
diese Menueseite klassisch als selbstständige Seite stehen läßt oder sie als
ständigen Begleiter dem Besucher zur Verfügung stellt, mag eine Sache des
Geschmacks sein. Ich denke jedoch, wenn die Thematik sie nicht erfordert,
benötigt man sie in gut strukturierten Webseiten nicht zur ständigen Verfügung.
Die Kognitive Karte sollte das Navigieren ermöglichen, nicht ein ständig
aufgeschlagener Stadtplan.
Begibt man sich - ausgehend vom Menue - entlang der Achsen in die einzelnen
Kapitel, so ist dies analog zur städtischen Struktur der Marsch vom
Marktplatz in ein Stadtviertel, einen Distrikt. Diese Distrikte zeichnen sich
alle durch einen ihnen eigenen Flair aus. Man merkt es sofort, verläßt man
einen Distrikt und tritt in den nächsten ein. Schafft man in Webseiten ein
eigenes Erscheinungsbild für die einzelnen Kapitel, so erreicht man, daß der
Besucher - ebenso wie in einer Stadt - mit Hilfe einer kognitiven Map seinen
Aufenthaltsort bestimmen kann. Die schlichteste aber nicht uneffektivste
Methode, dies zu erreichen, ist die einfache Zuordnung einer Kapitelfarbe.
Andere Möglichkeiten liegen im Umgang mit der Typographie oder dem
Illustrationsmaterial, die in den unterschiedlichen Kapiteln unterschiedlich
behandelt werden können.
Was die Distrikte einer Stadt auszeichnet, sind oft die ihnen eigenen,
weithin sichtbaren Wahrzeichen. Es wird beim Erblicken zum Synonym des
Viertels. So weiß ich, will ich in ein bestimmtes Viertel, richte ich mich nach
dem ihm zugehörigen Wahrzeichen, dem ihm eigenen Landmark. Die in mir
entstandene Kognitive Karte weist mir den Weg, auch wenn ich ihn niemals
zuvor gegangen bin. Auch auf Webseiten können wir Landmarks als Wahrzeichen
für die einzelnen Kapitel setzten. Gehen wir weg von der einfachen
alphanumerischen Kapitelcodierung.Wer Bildzeichen für die einzelnen Kapitel
und deren Inhalt schafft, setzt Symbole als Landmarks, als Orientierungshilfe.
Eine aus dem Leben gegriffene Orientierungshilfe ist das Schaffen eines
Überblicks. So stiegen Menschen schon vor Jahrtausenden auf Hügel und
Berge, um sich ein Bild ihrer Umgebung zu machen. Heute nutzen wir Aussichtstürme
oder Hochhäuser, um uns einen Überblick zu verschaffen. Wir
erschaffen uns eine Übersichtslandkarte. In einer Studie wurde jedoch festgestellt,
daß es keinerlei Vorteile bei einer Übersichtslandkarte im Vergleich
zu einer Listeninhaltsangabe gibt. Als Ergänzung mag sie jedoch immer angebracht
sein.
Bei aller Gestaltung der Navigationselemente muß man jedoch immer
im Auge behalten, wieviel Navigationshilfen gut sind und welche schon zuviel
des Guten. Reichhaltige Navigationshilfen können vom eigentlichen Ziel
ablenken. Sie können dazu führen, daß der Benutzer mehr mit der Programmbedienung
beschäftigt ist, als mit der Wissensaufnahme.Weiter gibt
es auch noch eine physiologische Grenze, die die Navigationshilfen auf einen
vernünftigen Umfang beschränkt. Da das visuelle System aus der Menge der
angebotenen Information immer nur wenige bekannte Muster auswählt,
muß sich die Darstellung auf die zentralen Informationselemente beschränken.
Als Faustregel für schematische Bilddarstellung oder Zahlenangaben
kann gelten: Nie mehr als 7 bis 9 Einheiten gleichzeitig. Das Ganze hat folgenden
Grund: Die Aufmerksamkeitsrichtung ändert sich ca. 2 bis 16 mal
pro Sekunde. Und jeweils können nur höchstens 7 bis 9 Nachrichtenteile
perzipiert werden. Man spricht hierbei von der Kanalspanne. Die Berücksichtigung
der Kanalspanne ist wichtig, wenn wir eine rasche Reaktion auslösen
wollen.