Aber was eigentlich ist Text? Ist es die Folge von Buchstaben, die sich, irgendwie auf ein Trägermedium aufgebracht, in Sätzen ordnen? Das ist sicher das Bild, das wir spontan von Text haben. Aber ist Text nicht doch erst das, was in unseren Köpfen beim Lesen entsteht? Materialisiert sich ein Text nicht etwa erst in unseren Köpfen aus der Synthese des Gelesenen und der darin enthaltenen, subjektiv von jedem Leser individuell vollzogenen, Interpretation des Gelesenen? Welchen Grund könnten sonst Textbesprechungen im Deutschunterricht gehabt haben, bestände kein Unterschied zwischen Textaufnahme und Textverständnis? Dem Lesen, der Analyse des alphanumerischen Codes und dem Deuten des Inhalts, der Synthese einer Szene. Nun, laut Umberto Eco ist der Leser ein aktives Prinzip der Interpretation und gehört als solches zum generativen Rahmen eines Textes. Der Leser ist es also, der eine Textvorlage letztendlich erst als Text in seinem Geist entstehen läßt. Im Umkehrschluß ist ein Text ohne Leser nicht existent. Ein Autor muß diesen aktiven Part des Lesers bei der Erstellung einer Textvorlage berücksichtigen. Denn als aktiver Part eines Textes ist der Leser auch der variable Part eines Textes. Der Leser verhält sich Textvorlagen gegenüber nicht immer in gleicher Form, da er medienspezifische Rezeptionstechniken entwickelt hat. Nicht alleine, daß der Autor sich also den intellektuellen Fähigkeiten seiner Leser bewußt sein muß und sein Vokabular, seine Ausdrucksweise seiner Leserschaft anpassen muß, der Autor muß in ganz besonderer Weise dem Medium als Transportmittel Rechenschaft tragen. Denn ein Text wird in unterschiedlichen Medien unterschiedlich rezipiert. Er muß sich bewußt sein, daß sich die Ergebnisse des generativen Prozesses beim Lesen ein und derselben Textvorlage dem Medium entsprechend unterscheiden. Kurz: Gleiche Textvorlagen werden in unterschiedlichen Medien als unterschiedliche Texte wahrgenommen. Um jetzt aber eine bestimmte Information in unterschiedlichen Medien zu transportieren, ist es evident, daß neben der Berücksichtigung der intellektuellen Fähigkeiten der Leser auch deren Rezeptionsgewohnheiten entsprechend, die Textvorlagen medienspezifisch zu strukturieren sind.