In epischen Textvorlagen bewegt sich der Leser innerhalb eines geschlossenen Raumes, der von einem Autor als homogenes, semiotisches Gebilde geschaffen wurde. In diesem Raum bewegt sich der Leser linear dem Textfluß folgend fort. Er taucht während des Lesens in eine, in seinem Geist - angeregt durch die Textvorlage - geschaffene Welt ein und erlebt den Verlauf der Geschichte mit. Beim Lesen von Zeitungen tritt dagegen ein komplett anderes Leseverhalten an den Tag, denn massenmediale Texte werden nicht gelesen, sondern überflogen, gescannt. Innerhalb einer Zeitung nimmt der Leser viele einzelne, unzusammenhängende Textstücke auf und bildet daraus den von ihm wahrgenommenen Text. Er zappt zwischen den Textstücken hin und her und stückelt die einzelnen Textstücke nach und nach zu einem individuellen Text zusammen. Dieser individuelle Text, der patch-work-artig aus einzelnen Textfragmenten gereiht ist, mag in seiner Zusammensetzung für andere als den Leser selbst völlig unverständlich sein. Für andere ist er aber auch nicht bestimmt. Die Art, so zu lesen, mag daran liegen, daß wir in einer Zeit leben, in der die Zeit so bedeutend geworden ist, daß wir immer weniger davon besitzen; daß der Zeitungsleser sich seine Zeit einteilen muß und deshalb nur die für ihn relevante Information aufnehmen will. Und je weniger Zeit zur Verfügung steht, je zerstückelter also die Zeitabläufe erlebt werden, desto mehr wird gezappt. Das heißt, desto weniger werden Textvorlagen im Zusammenhang gelesen und desto mehr werden die immer wachsenden Zeichenmassen nur selektiv und stückweise wahrgenommen. Die Schere zwischen Zeichenangebot und Lesekapazität öffnet sich angesichts einer Zeichenflut und einer dem gegenüberstehenden Verknappung der Zeit immer mehr. Die Tendenz zu selektiver und sprunghafter Wahrnehmung bis hin zum Zappen ruht aus dem Versuch, mit dieser Spannung fertig zu werden. Zapp ist geboren aus dem Ökonomiedrang heraus, nur relevante Information zu selektieren, um keine Zeit zu verlieren und gepaart mit einem Überdruß, ausgelöst durch eine immer weiter steigende Informationsflut. Zapp läßt ein ganzheitliches Textlesen nicht zu. Der Aufbau einer Zeitungstextvorlage trägt diesem Zappingverhalten Rechnung. Dies bewerkstelligt man dadurch, daß die Struktur einer Zeitung es dem Leser erlaubt, an möglichst beliebiger Stelle einzusteigen, ohne mangels Vorwissen die Orientierung zu verlieren. Eine aussagekräftige, inhaltsstarke Schlagzeile bietet einen solchen Einstiegspunkt. In dem folgenden Untertitel befindet sich dann eine, das Artikelthema generalisierende Inhaltsangabe. Die Artikel werden im weiteren Verlauf dann meist so verfaßt, daß sie von hinten nach vorne gekürzt werden können. Denn bei einem Zappverhalten wird, falls in den ersten Sätzen keine Inhaltspunkte von Interesse gefunden werden, zum nächsten Einstiegspunkt weitergesprungen. Zapping ist ein relativ ungeordnetes intertextuelles Lesen. Im Hypertext, wie er auch im Internet verwendet wird, treffen wir ebenfalls auf einen massenmedialen Text, der analog zu einem Zeitungstext nur überflogen wird. Auch Hypertext wird im Akt des Lesens erst konfiguriert. Das heißt, der Ablauf und Inhalt des Textes wird durch den Leser bestimmt. Ablauf und Inhalt sind also nicht wie bei epischen Texten linear vorgegeben. Und doch unterscheidet sich Hypertext grundlegend von einem Zeitungstext. Bei dem Lesen von Hypertext bestimmt der Leser bewußt den Ablauf. Beim Zapping hingegen folgt der Leser allenfalls irgendwelchen Schemata, die sich bei der Wissenserlangung als besonders nützlich erwiesen haben. Das Lesen im Hypertext ist ein hierarchisches, strukturiertes intertextuelles Lesen. Im Hypertext navigiert der Leser durch eine große Menge von Wissen und folgt vorgegebenen Zusammenhängen, während er beim Zapping diese Zusammenhänge selber bilden muß. Er trifft auf der Suche nach Information die Wahl des nächsten Textabschnittes dadurch, daß er eine Verknüpfung aktiviert und folgt damit einer vorher festgelegten Informationshirarchie. Er folgt einem Pfad von allgemeiner Information hin zur spezifischen, konkreten Information. Und da es die Qualität der Information ist, die die Qualität einer Internetseite ausmacht, ist es wichtig, die in einer Textvorlage enthaltene Information auch leicht zugänglich zu halten. Denn das Hauptaugenmerk des Nutzers liegt auf der Qualität des Textes und der von ihm daraus extrahierbaren Information. Erst in zweiter Linie,wenn die in der Internetseite enthaltene Information als qualitativ gut erkannt wurde, werden Navigationselemente und andere Gestaltungselemente beurteilt. Aber, wie ist die Qualität eines Internettextes zu beurteilen? Welche Kriterien muß ein solcher Text erfüllen, der analog zum Zeitungstext kaum im ganzen aufgenommen wird, ja aufgrund seiner Struktur gar nicht vollkommen aufgenommen werden kann? So zeigten Jakob Nielsen und John Morkes durch eine Studie, daß 79 % aller Internetbenutzer die Seiten nur überfliegen. Sie lesen sie also nicht. - Paradoxe Mißachtung des Informationsträgers. Wo doch die Information das Relevante sein sollte? - Aus dieser Erkenntnis ergibt sich zwangsläufig eine erste Gestaltungsprämisse für den Hypertext im Internet: Da die Texte meist nur überflogen anstatt gelesen werden, müssen sie so aufgebaut werden, daß dieses kurze Überfliegen ausreicht, um sich zumindest ein Bild des Inhaltes zu machen. Inhaltspunkte müssen also, wie man so schön sagt, ins Auge springen und die inhaltliche Struktur der Textvorlage muß an der äußeren Form des Textes ablesbar sein. Nun, überschaubar bekommt man die äußere Form einer Textvorlage relativ einfach, indem man sie optisch gewichtet. Die strukturelle Gliederung muß durch klare und eindeutige Überschriften und Unterüberschriften angemessen visualisiert sein. Einzelne Stichpunkte, die von besonderer Wichtigkeit sind oder über den Inhalt Auskunft geben, sollten innerhalb eines Textes hervorgehoben werden. So hervorgehoben erleichtern sie das Scannen und damit das schnelle Erschließen des Inhalts eines Textes. Des weiteren kann man die Aufnahme von linear aufgezählter Information durch die Gestalt ihrer Darbietung vereinfachen, indem man diese Aufzählungen in Listenform darstellt. Das Überfliegen oder Scannen einer Seite verhindert das gesamtheitliche Lesen von Texten. Da der Leser aber über die Überschrift hinaus noch Information über die einzelnen Abschnitte benötigt, um sich ein Bild des Inhalts erstellen zu können oder auch nur die Qualität der in der Überschrift prononcierten Information einzuschätzen sucht, liest er die ersten Sätze eines Abschnittes an. Dieses Anlesen beschränkt sich allerdings meist auf eine Tiefe, ab der der Inhalt erschlossen werden kann und geht über die ersten Sätze des Abschnitts kaum hinaus. Hat sich der Leser sein Bild vom Abschnittsinhalt gebildet, springt er zum nächsten, um diesen zu scannen. Auf diese Weise gehen dem Leser die Inhalte verloren, die sich im weiteren Verlauf des Textabschnittes befinden. Der Autor muß also bei der Erstellung eines Hypertextes darauf achten, nur einen Inhaltspunkt pro Abschnitt aufzuführen und diesen gleich in den ersten Sätzen vorzustellen, um ein Überlesen weiterer wichtiger Inhalte zu vermeiden. Ein weiterer Punkt, der daraus resultiert, daß Textabschnitte meist nur angelesen werden, ist, daß der für Printtexte besonders geeignete Aufbau in einer Doppelbewegung für Textabschnitte im Internet nicht geeignet ist. In Printtexten geht man oft von einer aussagekräftigen, inhaltsstarken Überschrift aus. Ihr folgt dann eine Erklärung und Generalisierung im Untertitel bis hin zur höchsten Generalisierung im ersten Satz.Von hier ab vollzieht sich dann eine Gegenbewegung zum Konkreten. Im Internet ist diese Art eines Textaufbaus völlig fehl am Platz. Denn, ist die Überschrift noch interessant, so erscheinen dann die ersten angelesenen Sätze relativ banal. Dies auf den Rest des Textes übertragen führt dazu, daß einfach nicht mehr weitergelesen wird. Eine Textvorlage für eine Internetseite muß also schon in den ersten Sätzen ihre Schlußfolgerung preisgeben, ohne vorher noch eine Spannungskurve erzeugen zu wollen. Dafür ist im Netz kein Platz. Ein Internet-Text beginnt mit der Konklusion. Die Schlußfolgerung einer Argumentationskette muß also zu Beginn stehen, um sicher zu gehen, daß diese, die eigentlich wichtige Information, den Leser erreicht. Woher dieses Leseverhalten rührt, vermag ich nicht zu bestimmen.Vermutlich ist die Zeit ein wesentlicher Faktor, der ein Wechselspiel mit der unüberschaubaren Fülle an erreichbarer Information eingeht. Bestimmt ist aber auch der Faktor der dem Medium eigenen Geschwindigkeit wesentlich. Da ist einerseit die Geschwindigkeit der Internetentwicklung und der Datenauffrischung und andererseits auch die Geschwindigkeit, mit der die Daten erreichbar sind. Die Fülle und Aktualität der unproblematisch, ja sofort und jederzeit abrufbaren Daten lassen den Internetbenutzer ungeduldig werden. Sie treiben ihn ins Zappen, oder internetspezifisch, ins Surfen. Und nicht zuletzt trägt der Transporteur des Mediums, der Computer, einen wesentlichen Anteil an diesem Leseverhalten. Der Rechner an sich und vor allem aber der Monitor. Der Autor eines Textes zur Veröffentlichung im Internet sollte bei der Länge seiner Texte immer berücksichtigen, daß der Leser schnell an die Information will und das Lesen am Monitor nicht zu den entspannteren Lesearten zählt. Die Hälfte der Wortzahl zu der eines Print- textes ist daher allemal genug. Denn aus der Erfahrung weiß man, daß die Leser kurze und auf den Punkt gebrachte Texte ausschweifenden Texten vorziehen. Und nur glückliche Leser sind gute Leser. Außerdem, wer ist beim Lesen schon gern ständig am Scrollen, weil der eine Text immer noch kein Ende findet. Niemand scrollt gerne. Als Ergebnis aus Tests wurde erkannt, daß Aufgabenlösungen in überschaubaren, scannbaren Texten schneller und sicherer vonstatten gehen. Die Fehlerrate bei überschaubaren und knappen Texten liegt niedriger und der Erinnerungswert liegt deutlich höher als bei unübersichtlichen oder ausladenden Texten. Sachlich verfaßte Texte reduzieren auch die Zeit, die benötigt wird, um sich die Gesamtstruktur wieder in den Kopf zu rufen. Aber nicht nur die meßbare Effektivität der nach obigen Kriterien gegliederten Texte liegt über der anderer. Die Leser solcher Texte zeigen auch eine deutlich höhere subjektive Befiedigung. Ein nicht zu unterschätzender Punkt. Einen Überblick über die meßbare Wirkung von textuellen Strukturierungsmaßnahmen gibt Anhang V.